Spart Kultiviertes Fleisch doch keine Anbaufläche? Deutsche Doktorarbeit stellt Pro-Laborfleisch-Argument in Frage

Weniger Tierleid, weniger Emissionen und vor allem weniger Flächenverbrauch als bei klassischer Tierhaltung. Diese Punkte gelten vielen Befürwortern von In-vitro-Fleisch als schlagkräftigste Argumente. Doch eines der Dreien wird seit neuestem infrage gestellt: Eine neue Dissertation an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf untersuchte vier Szenarien und kommt zum Ergebnis: Womöglich wird für die Herstellung des Nährmediums ähnlich viel Fläche benötigt wie für die herkömmliche Fleischproduktion.

Spart Kultiviertes Fleisch doch keine Anbaufläche - Deutsche Doktorarbeit stellt Pro-Laborfleisch-Argument in Frage

Dissertation: Wie viel Ackerfläche brauchen Nährmedien für kultiviertes Fleisch?

Um Fleisch im Labor zu züchten, braucht man nicht nur Zellen, sondern auch ein Nährmedium, das diese Zellen mit allem versorgt, was sie zum Wachsen brauchen. Dazu gehören vor allem Zucker und Aminosäuren. Bisher stammen diese Zutaten häufig aus industrieller Chemieproduktion, was teuer ist und in der öffentlichen Debatte oft kritisiert wird, weil es wenig mit einem natürlichen Lebensmittel zu tun hat. Ein naheliegender Gedanke ist deshalb, diese Nährstoffe stattdessen aus ganz gewöhnlichen Ackerpflanzen zu gewinnen, die es in Deutschland ohnehin schon gibt. Genau das haben die Forscher an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf jetzt einmal konsequent durchgerechnet.

Für ihre Untersuchung haben sie vier verschiedene Szenarien entwickelt, in denen jeweils unterschiedliche Kombinationen aus Soja, Lupinen, Mais, Weizen und Kartoffeln als Rohstoffquelle für das Nährmedium dienen. Diese Pflanzen wurden bewusst gewählt, weil sie im süddeutschen Ackerbau eine lange Tradition haben und die dazugehörigen Erträge und Fruchtfolgen gut dokumentiert sind. Mithilfe eines mathematischen Optimierungsmodells wurde dann berechnet, welche Kombination dieser Pflanzen die benötigten Nährstoffe mit möglichst wenig Ackerfläche liefern könnte. Am Ende stand für jedes Szenario eine konkrete Zahl, wie viel Fläche man bräuchte, um eine bestimmte Menge an Nährmedium zu produzieren.

Wer braucht wie viel Fläche: Schweinefleisch versus In-Vitro-Fleisch

Der eigentlich spannende Teil der Arbeit ist der Vergleich mit einer ganz klassischen Alternative: der Schweinefleischproduktion. Und das Ergebnis ist eher ernüchternd: Wenn man den Flächenbedarf für die pflanzlichen Rohstoffe des Nährmediums dem Flächenbedarf für die Erzeugung von Schweinefleisch gegenüberstellt, fällt der Unterschied überraschend klein aus. Statt der oft erhofften massiven Einsparung an Ackerfläche zeigt sich in den untersuchten Szenarien nur ein geringer Vorteil für das Laborfleisch.

Warum benötigen Nährmedien so viel Anbaufläche?

Die Vorstellung, dass man mit deutlich weniger Land die gleiche Menge an Protein erzeugen könnte, dient vielen Befürwortern als Argument. Die Studie aus Freising ergab nun, dass dieser Effekt zumindest unter den hier untersuchten Bedingungen sehr viel kleiner ausfällt als gedacht – aber wieso?

Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass Pflanzen selbst dann, wenn sie effizient angebaut werden, Fläche, Wasser und Zeit brauchen, um die konzentrierten Nährstoffe zu liefern, die eine Zellkultur benötigt. Das Nährmedium selbst ist also auf klassische Landwirtschaft angewiesen. Damit verschiebt sich das Ganze lediglich: Statt Tiere zu füttern, füttert man Zellkulturen – und beides braucht am Ende Ackerland.

Gleichzeitig liefern die Forscher jedoch auch Verbesserungsvorschläge: So verweisen sie etwa darauf, dass ein geringerer Energiebedarf der Bioreaktoren, beispielsweise durch den Einsatz von Photovoltaik, die Gesamtbilanz von kultiviertem Fleisch in Zukunft durchaus wieder positiver aussehen lassen könnte. Ohnehin: Der Flächenaspekt ist nur ein Baustein von vielen, wenn es um die Frage geht, wie nachhaltig diese Technologie am Ende wirklich ist.

Kein endgültiges Urteil, sondern eine Momentaufnahme

So ernüchternd das Ergebnis auch klingen mag, es handelt sich lediglich um eine Momentaufnahme innerhalb vier bestimmter Szenarien. Andere Rohstoffquellen, andere Anbaumethoden oder technische Fortschritte bei der Herstellung des Nährmediums wurden nicht mit einbezogen. Schon bei leicht veränderten Annahmen könnte sich das Bild verschieben.

Und es gibt durchaus andere Untersuchungen, die ein optimistischeres Bild zeichnen: Eine Studie der britischen Royal Agricultural University hat sich beispielsweise damit beschäftigt, wie Landwirtschaft und Laborfleischproduktion gleichzeitig und gemeinschaftlich stattfinden könnten. Ein zentraler Gedanke dort: Statt extra Pflanzen anzubauen, könnten auch landwirtschaftliche Nebenprodukte wie Rapsschrot oder Schlachtabfälle als Nährstoffquelle dienen – diese würden ohnehin anfallen und keine zusätzliche Anbaufläche beanspruchen.

Auch andere Stimmen aus Wissenschaft und Politik weisen darauf hin, dass Studien zu kultiviertem Fleisch je nach Annahme zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Immerhin befinden sich diese Technologien aktuell in einem sehr frühen Entwicklungsstadium – viele Produktionsschritte könnten in Zukunft ganz anders aussehen als heute.

Quellen:

Die Weihenstephan-Studie: Kossmann, Moess und Breunig (2025), „The climate impact and land use of cultivated meat: Evaluating agricultural feedstock production“, veröffentlicht in PLOS ONE (Volltext frei, siehe oben) — Forscher der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung, gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

Die Gegenposition: MacMillan et al. (2024), „Culture Clash? What cultured meat could mean for UK farming“, Royal Agricultural University (Volltext frei, siehe oben) — finanziert vom BBSRC im Rahmen des UK-Programms „Transforming Food Systems“.

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