Laborfleisch 2026: Der aktuelle Stand in Deutschland und Europa
Ein israelisches Start-up verkauft sein Steak inzwischen in zwei Ländern. Singapur hat gerade ein weiteres Rindfleisch-Produkt zugelassen. In den USA kann man in einzelnen Sushi-Restaurants schon kultivierten Lachs bestellen, während andere US-Bundesstaaten das Fleisch aus dem Bioreaktor per Gesetz verbieten. Die Welt des Laborfleischs bewegt sich – nur eben nicht überall gleich schnell. Und ausgerechnet in Europa, wo 2013 mit dem ersten Laborburger von Mark Post in Maastricht alles begann, liegt bis heute kein einziges Produkt im Supermarktregal. Wie ist der aktuelle Stand in Deutschland und Europa?

Laborfleisch: Die Lage weltweit in Kürze
Aleph Farms aus Israel hat im August 2026 von der Singapore Food Agency die Zulassung für sein kultiviertes Rindersteak erhalten – nach Israel der zweite Markt für das Unternehmen und damit ein Novum: Kein anderer Hersteller weltweit darf sein kultiviertes Rindfleisch bislang in zwei Ländern verkaufen. In Singapur, das schon seit 2020 als regulatorischer Vorreiter gilt, dürfen inzwischen mehrere Anbieter verkaufen.
Die USA sind seit 2023 mit GOOD Meat und UPSIDE Foods dabei, kämpfen aber gleichzeitig mit einer Gegenbewegung: Bundesstaaten wie Texas und South Dakota haben Verkaufsverbote erlassen, gegen die die Unternehmen inzwischen klagen. Großbritannien, offiziell nicht mehr EU-Mitglied, aber europäisch bedeutsam, hat mit Meatly bereits ein zugelassenes Produkt auf dem Markt – allerdings vorerst nur als Hundefutter.
Und dann ist da die Europäische Union. Hier ist, Stand heute, kein einziges Laborfleisch-Produkt zugelassen. Das liegt aber weniger am fehlenden Interesse als an einem besonders gründlichen, aber auch besonders langsamen System.
Warum dauert die EU-Zulassung für kultiviertes Fleisch so lange?
In der EU fällt Laborfleisch unter die Novel-Food-Verordnung, die für neuartige Lebensmittel gilt. Anders als etwa in Singapur, wo ein fertiges Produkt als Ganzes geprüft wird, verlangt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine Einzelprüfung jeder Zutat. Ein Burger aus kultiviertem Rindfleisch und pflanzlichen Bestandteilen muss also in seine Bestandteile zerlegt und jeder einzelne davon separat zugelassen werden. Das Verfahren gilt als eines der strengsten weltweit und dauert nach Expertenschätzungen mindestens eineinhalb Jahre pro Antrag.
Anträge von Frankreich und den Niederlanden laufen
Bislang haben erst zwei Unternehmen den offiziellen Antragsprozess bei der EFSA tatsächlich durchlaufen. Den Anfang machte im Sommer 2024 das französische Start-up Gourmey mit kultivierter Gänse- beziehungsweise Entenleber. Im Januar 2025 folgte das niederländische Unternehmen Mosa Meat, der Laborfleisch-Pionier aus Maastricht, mit einem Antrag für kultiviertes Rinderfett – bewusst nicht für ganzes Fleisch, sondern für die Zutat, die Geschmack, Aroma und Mundgefühl von Rindfleisch ausmacht und später mit pflanzlichem Protein zu Burgern oder Bolognese verarbeitet werden soll. Das eingereichte Dossier umfasste knapp tausend Seiten und war das Ergebnis zweijähriger Arbeit von zehn Mitarbeitenden. Mit einer Entscheidung der EFSA ist frühestens im Laufe des Jahres 2026, realistischer wohl erst 2027 zu rechnen.
Mosa Meat selbst zeigt sich unterdessen finanziell und technologisch im Aufwind. Im Januar 2026 vermeldete das Unternehmen eine zusätzliche Finanzierung von 15 Millionen Euro, nachdem in den beiden Jahren zuvor bereits 58 Millionen Euro eingesammelt worden waren. Zugleich verkündete Mosa Meat, einen wichtigen Meilenstein erreicht zu haben: die Kostenparität mit konventionellem Rindfleisch bei der Fettproduktion – ein Signal, dass die Technologie wirtschaftlich näher an die Marktreife rückt, selbst wenn die Regulierung noch hinterherhinkt.
Deutschland und Laborfleisch: still, aber nicht untätig
Wer denkt, in Deutschland tue sich in Sachen Laborfleisch nichts, irrt. Ausgerechnet ein Traditionsunternehmen hat hier Pionierarbeit geleistet: Infamily Foods, bekannt vor allem für Bärchenwurst und andere klassische Wurstwaren, ließ über seine Heidelberger Tochterfirma The Cultivated B im September 2023 als erstes Unternehmen weltweit überhaupt Vorgespräche mit der EFSA über ein zellbasiertes Wurstprodukt aufnehmen – ein hybrider Hotdog aus kultiviertem Schweinefleisch und pflanzlichen Zutaten. Aus diesen Vorgesprächen ist bislang kein offizieller Zulassungsantrag geworden, aber der symbolische Wert bleibt: Ein deutscher Wursthersteller wollte als Erster den Weg durch die europäische Zulassungsmaschinerie einschlagen.
Auch abseits der Regulierung tut sich einiges. In Rostock arbeitet das 2020 gegründete Start-up Innocent Meat an einer automatisierten Produktionsplattform für kultiviertes Fleisch, mit der etablierte Fleischverarbeiter perspektivisch selbst einsteigen könnten. Im Januar 2026 sammelte das Unternehmen sechs Millionen Euro für den Bau einer Demonstrationsanlage ein. Wenige Monate später, im April 2026, verkündete Innocent Meat eine Forschungskooperation mit dem Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg, um die Zellkulturtechnik für den industriellen Maßstab weiterzuentwickeln. Während die Zulassung in Brüssel also auf sich warten lässt, wird an deutschen Standorten längst an der Frage gearbeitet, wie sich Laborfleisch später überhaupt bezahlbar und in großen Mengen herstellen lässt.
Italien erteilte 2023 Komplettverbot für kultiviertes Fleisch
Der vielleicht auffälligste Unterschied zeigt sich innerhalb Europas selbst. Italien hat 2023 als erstes und bislang einziges europäisches Land ein komplettes Verbot von Herstellung, Import und Verkauf von Laborfleisch beschlossen. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni begründete den Schritt mit dem Schutz italienischer Esskultur und Tradition, unterstützt von der einflussreichen Agrarlobby Coldiretti. Kritiker, darunter Oppositionspolitiker und Tierschutzorganisationen, halten das Gesetz für verfassungswidrig und einen Verstoß gegen EU-Binnenmarktrecht.
Ganz anders die Niederlande: Dort dürfen unter strengen Auflagen bereits öffentliche Verkostungen von Laborfleisch und -meeresfrüchten stattfinden, ein cleverer Umweg um das zähe EFSA-Verfahren. Unternehmen wie Mosa Meat konnten so schon vor der eigentlichen Zulassung erste Kontakte zu Köchen, Fleischverarbeitern und Handelsketten aufbauen und ihre Produkte testen lassen.
Und dann ist da noch Großbritannien, das zwar nicht mehr zur EU gehört, aber die europäische Debatte prägt. Meatly erhielt bereits im August 2024 als erstes Unternehmen weltweit eine Zulassung für Laborfleisch-Heimtierfutter, seit Februar 2025 ist das Produkt im Handel. Im Juni 2026 sammelte das Unternehmen 10,4 Millionen Pfund in einer Finanzierungsrunde ein und begann nur wenige Wochen später mit dem Bau einer neuen Anlage in London, die mit einer Bioreaktorkapazität von 20.000 Litern nach eigenen Angaben zur größten Produktionsstätte für kultiviertes Fleisch in Europa werden soll. Die britische Lebensmittelbehörde veröffentlichte zudem im Dezember 2025 erste offizielle Sicherheitsrichtlinien für kultivierte Produkte – ein regulatorischer Fahrplan, den es für die EU in dieser Form bislang nicht gibt.
Womit dürfen Verbraucher aktuell rechnen?
Wer in Deutschland auf ein Laborfleisch-Steak im Supermarkt wartet, braucht weiterhin Geduld. Die EFSA-Verfahren für Gourmey und Mosa Meat laufen, aber selbst bei positivem Ausgang würde zunächst nur eine einzelne Zutat zugelassen – nicht ein fertiges Steak oder Schnitzel. Bis ganze Fleischstücke aus dem Bioreaktor in Europa legal verkauft werden dürfen, dürfte es nach heutigem Stand also noch Jahre dauern.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf Heidelberg, Rostock und Magdeburg, dass Deutschland technologisch und unternehmerisch keineswegs abgehängt ist. Die eigentliche Bremse liegt nicht in den Laboren, sondern in Brüssel – und in der politischen Frage, wie Europa künftig mit einer Technologie umgehen will, die in Asien und den USA längst Realität ist, in Italien per Gesetz verbannt wurde und in den Niederlanden zumindest schon probiert werden darf.