Laborfleisch: Startup plant Markteinführung in Deutschland für 2029
Um weiter mit Hochdruck an der Entwicklung von kultiviertem Fleisch arbeiten zu können, hat das Rostocker Biotechnologie-Startup Innocent Meat neue finanzielle Mittel erhalten. Das Unternehmen verfolgt einen klar industriellen Ansatz und plant den Markteinstieg für 2028 – alle Hintergründe.

Laborfleisch in Deutschland – ist es 2028 soweit?
In einem Gespräch mit der Agrarjournalistin Melanie Jost, veröffentlicht unter anderem im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt, erläutert Gründerin und Geschäftsführerin Laura Gertenbach, wo die Technologie heute steht und welche Herausforderungen noch gelöst werden müssen.
Der Weg von der Entwicklung zur Produktion
Nach Einschätzung von Laura Gertenbach hat sich die Situation um kultiviertes Fleisch inzwischen stark verändert. Während die erste Generation von Unternehmen stark wissenschaftlich orientiert war, befinde sich die Branche heute in einer Phase der Industrialisierung.
Im Mittelpunkt stehen inzwischen weniger die aufmerksamkeitsstarken Laborerfolge als vielmehr die Frage, wie sich Produktionsprozesse zuverlässig, reproduzierbar und wirtschaftlich gestalten lassen. Gertenbach zieht dabei einen Vergleich mit der Entwicklung der Biotechnologie und der Fermentationsindustrie in den 1990er-Jahren: Erst als Verfahren industriell beherrschbar wurden, konnten daraus wirtschaftlich erfolgreiche Anwendungen entstehen.
Die beiden größten Herausforderungen bleiben dabei die Skalierung der Produktion und die Kosten der benötigten Nährmedien.
Vom Labor in die industrielle Produktion
Innocent Meat arbeitet bereits an größeren Produktionsdimensionen für die Herstellung. Das Unternehmen plant eine Demonstrationsanlage mit einem Fassungsvermögen von 5.000 Litern. Nach Angaben von Gertenbach ist die Skalierung heute keine theoretische Fragestellung mehr, sondern vor allem eine ingenieurtechnische Aufgabe. Mit einer solchen Anlage könnten – abhängig von Zelltyp, Herstellungsverfahren und Produktform – mehrere hundert Kilogramm kultiviertes Fleisch pro Produktionszyklus hergestellt werden.
Noch befindet sich die gesamte Branche weltweit im Pilotmaßstab. Der Markteintritt soll deshalb schrittweise erfolgen, mit zunächst begrenzten Produktionskapazitäten, die anschließend kontinuierlich erweitert werden können.
Nährmedien für kultiviertes Fleisch werden günstiger
Ein wesentlicher Kostenfaktor bei der Herstellung von kultiviertem Fleisch sind die sogenannten Nährmedien. Sie versorgen die Zellen während ihres Wachstums mit allen notwendigen Stoffen.
Früher stammten diese Medien überwiegend aus der Pharmaforschung und waren entsprechend teuer. Inzwischen entwickelt die Branche eigene Formulierungen, die speziell auf die Lebensmittelproduktion zugeschnitten sind und deutlich kostengünstiger hergestellt werden können.
Die Zusammensetzung dieser Nährmedien ähnelt einer exakt abgestimmten Nährlösung. Enthalten sind unter anderem Aminosäuren als Bausteine für Proteine, Zucker wie Glukose als Energiequelle, Vitamine, Mineralstoffe, Salze, verschiedene Wachstumsfaktoren sowie Puffersysteme, die den pH-Wert stabil halten.
Nach Angaben von Innocent Meat sind die Kosten bereits erheblich gesunken und dürften mit wachsender Produktionsgröße weiter zurückgehen. Die wirtschaftlichen Herausforderungen seien zwar weiterhin vorhanden, würden jedoch systematisch bearbeitet.
Fötales Kälberserum soll der Vergangenheit angehören
Einer der häufigsten Kritikpunkte an kultiviertem Fleisch betrifft den früher verbreiteten Einsatz von fötalem Kälberserum (FBS). Dieses wurde lange Zeit in der Zellforschung verwendet und stand sowohl aus ethischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen in der Kritik.
Nach Aussage von Laura Gertenbach kommen moderne Nährmedien inzwischen vollständig ohne fötales Kälberserum aus. Ziel sei eine vollständig tierfreie und lebensmitteltaugliche Zusammensetzung. Die benötigten Nährstoffe würden den Muskelzellen heute gezielt in einer präzise abgestimmten Nährlösung zur Verfügung gestellt.
Die Ausgangszellen stammen weiterhin vom Tier
Ganz ohne Tiere funktioniert die Herstellung allerdings nicht. Die Ausgangszellen stammen nach wie vor von landwirtschaftlichen Nutztieren wie Rindern oder Schweinen.
Für die Zellgewinnung ist jedoch keine Schlachtung notwendig. Stattdessen erfolgt die Entnahme minimalinvasiv und ähnelt einer Biopsie. Aus diesen Proben werden anschließend stabile Zelllinien aufgebaut, sodass für die weitere Produktion keine regelmäßigen neuen Zellentnahmen erforderlich sind.
Laborfleisch: Zunächst kommen Burger, Hackfleisch und Wurst
Wer auf kultivierte Steaks hofft, wird sich noch einige Jahre gedulden müssen.
Der Fokus der Branche liegt zunächst auf Produkten mit einfacher Struktur. Dazu gehören beispielsweise Hackfleisch, Burger-Patties, Wurstgrundbrät oder sogenannte Hybridprodukte. Letztere kombinieren pflanzliche Zutaten mit kultivierten tierischen Zellen und gelten als technisch einfacher umsetzbar.
Komplex strukturierte Fleischstücke wie Steaks stellen dagegen deutlich höhere Anforderungen an die Gewebeentwicklung und gehören nach Einschätzung von Innocent Meat zu den langfristigen Entwicklungszielen.
Europa wartet noch auf die erste Zulassung
Auch regulatorisch befindet sich kultiviertes Fleisch in Europa noch am Anfang. In der Europäischen Union gelten entsprechende Produkte als Novel Food. Für eine Zulassung müssen Unternehmen ein umfangreiches Sicherheitsdossier bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einreichen. Nach der wissenschaftlichen Bewertung folgt eine Zulassungsentscheidung auf EU-Ebene.
Der regulatorische Ablauf ist zwar klar definiert, gilt jedoch als zeitaufwendig. Bislang wurde in der Europäischen Union noch kein kultiviertes Fleisch als Lebensmittel zugelassen. Mehrere Unternehmen arbeiten derzeit an entsprechenden Anträgen oder befinden sich bereits im Zulassungsverfahren.
International ist die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. Erste Zulassungen wurden unter anderem in Singapur und den USA erteilt. Vor diesem Hintergrund schließt Innocent Meat einen ersten kommerziellen Marktstart außerhalb Europas nicht aus.
Nach Aussage von Laura Gertenbach richtet sich die Unternehmensstrategie auf Märkte mit klaren regulatorischen Rahmenbedingungen, einer innovationsfreundlichen Haltung und realistischen Zulassungszeiträumen aus. Die Europäische Union bleibe zwar ein wichtiger Zielmarkt, müsse jedoch nicht zwangsläufig der Ort der ersten Markteinführung sein.
Investoren schauen bei Cultured Meat heute genauer hin
Auch bei der Finanzierung hat sich das Umfeld verändert. Nach Jahren großer Euphorie befindet sich die Branche inzwischen in einer Konsolidierungsphase. Das verfügbare Kapital ist nicht verschwunden, wird jedoch gezielter vergeben.
Investoren achten heute deutlich stärker auf den technologischen Reifegrad, belastbare Industrialisierungsstrategien, Skalierungsfähigkeit und nachvollziehbare Wirtschaftlichkeitsmodelle. Visionen allein reichen nicht mehr aus.
Laura Gertenbach bewertet diese Entwicklung positiv. Unternehmen mit klarer Strategie und industrieller Ausrichtung hätten weiterhin gute Chancen auf Finanzierung. Aus ihrer Sicht habe sich die Stimmung nicht verschlechtert, sondern professionalisiert.
Quellen:
https://www.wochenblatt-dlv.de/maerkte/laborfleisch-startup-treibt-produktion-voran-584767
https://cibuslink.it/en/Innocent-Meat-accelerates-industrialization-with-$6-million-in-funding
https://www.vdi.de/news/detail/fleisch-aus-dem-labor-innocent-meat-bei-technik-aufs-ohr
https://www.fleischerei.de/laborfleisch-braucht-noch-zeit-381800/
https://www.genius-vc.de/en/news-en-details/privatinvestoren-stecken-millionen-in-kunstfleisch-technologie-aus-rostock
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/wurstchen-und-schnitzel-aus-dem-bio-reaktor-erstes-zulassungsverfahren-fur-laborfleisch-in-eu-gestartet-10467457.html
https://www.chip.de/news/Bald-auch-in-Deutschland-USA-genehmigen-erstmals-Verkauf-von-Laborfleisch_184843534.html
https://www.innocent-meat.com/blogs/news/innocent-meat-receives-federal-grant-worth-half-million-euros