Bis zu 90 Prozent Kosteneinsparung: Algen könnten Laborfleisch-Produktion deutlich billiger machen

Forscher aus Australien haben eine Methode entwickelt, die einen großen Teil der Produktionskosten von kultiviertem Fleisch um bis zu 90 Prozent senken könnte. Die Idee: Abfallstoffe aus der Fleischzucht werden nicht weggeworfen, sondern mithilfe von Algen wiederverwertet. Letztendlich heißt das auch für zukünftige Verbraucher im besten Fall: Laborfleisch-Produkte könnten günstiger werden als zunächst befürchtet.
Warum liegt kultiviertes Fleisch noch nicht im Supermarktregal? Eine Antwort ist: Die Produktion ist zu teuer. Und der größte Kostentreiber ist das, womit die Zellen im Bioreaktor gefüttert werden. Genau hier setzt eine neue Studie der University of Queensland (UQ) an, an der auch die TU München und die Hochschule Pforzheim beteiligt waren.
Herstellung von kultiviertem Fleisch ist extrem teuer
Damit tierische Zellen im Bioreaktor wachsen, brauchen sie ein sogenanntes Nährmedium. Es liefert ihnen das, was ein Tier normalerweise über Blut und Nahrung bekommt: Aminosäuren, Zucker, Vitamine und vor allem Wachstumsfaktoren. Diese Wachstumsfaktoren sind der Knackpunkt. Sie werden gentechnisch hergestellt und können mehrere Tausend Euro pro Gramm kosten. In der Branche gilt dieses Nährmedium als der größte einzelne Kostenblock bei der Produktion von kultiviertem Fleisch – bei manchen Kalkulationen macht es über die Hälfte der gesamten Herstellungskosten aus.
Ein zweites Problem kommt hinzu: Beim Wachsen der Zellen fällt Abfall an – verbrauchte Nährstoffe und Kohlendioxid. Dieser Abfall wird bisher einfach entsorgt. Das kostet zusätzlich Geld und verschwendet Ressourcen.
Die Lösung: Algen als Recycling-Kreislauf
Das Team um Dr. Melanie Oey vom UQ Institute for Molecular Bioscience hat eine einfache, aber clevere Idee getestet: Man lässt Algen von genau dem leben, was die Fleischzellen übriglassen.
So funktioniert der Kreislauf: Die Algen nehmen die Restnährstoffe aus dem Abfall der Fleischproduktion ab. Dabei produzieren die Algen Sauerstoff, welchen die Fleischzellen zum Wachsen brauchen. Die Fleischzellen wiederum stoßen Kohlendioxid aus, das die Algen für ihr Wachstum benötigen. Schließlich werden die Algen geerntet und verarbeitet – das daraus gewonnene Nährstoffkonzentrat fließt zurück ins System und ersetzt einen Teil der teuren, künstlich hergestellten Zutaten.
Das Ergebnis: ein geschlossener Kreislauf, bei dem Fleischzellen und Algen sich gegenseitig versorgen.
„Nach unseren Berechnungen können wir die Kosten für das Nährmedium um etwa 60 bis 90 Prozent senken“, sagt Dr. Oey. Als Nebeneffekt stellten die Forscher zudem fest: Ihr System produzierte mehr Algen, als für das Recycling gebraucht wurden. Diesen Überschuss könnten Hersteller theoretisch separat verkaufen.
Große potenzielle Kosteneinsparung für den Endverbraucher
Das Nährmedium ist aktuell oft der größte Kostenblock in der Produktion. Wer diesen Kostenblock um 60 bis 90 Prozent senkt, senkt damit potenziell auch den späteren Verkaufspreis erheblich. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Nischenprodukt für eine kleine, zahlungskräftige Zielgruppe und einem Lebensmittel, das im normalen Supermarkt konkurrenzfähig ist.
Ein wichtiger Vorbehalt gehört aber dazu: Bisher handelt es sich um eine Berechnung aus Laborversuchen. Ob sich die Einsparung tatsächlich in dieser Höhe auf eine große, kommerzielle Produktionsanlage übertragen lässt, muss sich noch zeigen.
Kooperation mit Hersteller Magic Valley
Dass diese Forschung nah an der echten Anwendung ist, zeigt die Beteiligung von Magic Valley. Der australische Hersteller von kultiviertem Fleisch lieferte das Abfallmaterial für die Studie. Über ein staatliches Förderprogramm arbeiten Magic Valley und die UQ-Forscher jetzt gemeinsam daran, das System in echte, großtechnische Produktionsanlagen einzubauen.
„Diese Innovation könnte den Weg zur kommerziellen Fleischproduktion im großen Maßstab beschleunigen, weil sie hilft, eine der größten Hürden der Branche zu senken – die Kosten für das Nährmedium“, sagt Andrew Laslett, Forschungsleiter bei Magic Valley.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Food Research International veröffentlicht und damit von unabhängigen Experten geprüft.
Erst fünf Länder erlauben den Verkauf von Laborfleisch – und Deutschland?
Bisher haben erst fünf Länder den Verkauf von kultiviertem Fleisch erlaubt. Australien und Neuseeland sind die jüngsten Länder, die grünes Licht gegeben haben – neben den bereits bekannten Märkten Singapur, USA und Israel.
Auch wenn die Studie in Australien entstanden ist: Zwei deutsche Hochschulen waren beteiligt, die TU München und die Hochschule Pforzheim. Für den deutschen Markt selbst ändert sich rechtlich erst einmal nichts. Kultiviertes Fleisch braucht weiterhin eine EU-weite Zulassung, bevor es hierzulande verkauft werden darf – und die gibt es bisher nicht.
Trotzdem ist diese Art von Forschung wichtig für Deutschland und Europa: Je günstiger die Produktion wird, desto attraktiver wird der Markt für europäische Unternehmen. Und je mehr Unternehmen einen wirtschaftlich tragfähigen Business Case haben, desto mehr Druck entsteht, auch die EU-Zulassungsverfahren zügiger voranzubringen.
Quelle: University of Queensland, Studie veröffentlicht in Food Research International (DOI: 10.1016/j.foodres.2026.119627)